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Profitieren Frauen von einer Kreatin-Einnahme?

Female Health
Lisa Herr

Kreatin gehört zu den am besten untersuchten Nahrungsergänzungsmitteln im Sport. Besonders im Krafttraining und in vielen Teamsportarten ist es längst etabliert. Lange Zeit basierte der Großteil der wissenschaftlichen Studien jedoch auf männlichen Probanden. Erst in den letzten Jahren rückt eine wichtige Frage stärker in den Fokus der Forschung: Profitieren Frauen in gleicher Weise von einer Kreatin-Supplementierung wie Männer?

Die kurze Antwort lautet: Ja. Allerdings teilweise auf andere Weise als Männer. Aktuelle Studien zeigen, dass Frauen insbesondere in Bezug auf Kraftentwicklung, Muskelmasse und einige gesundheitliche Aspekte profitieren können. Gleichzeitig sind die Effekte auf die sportliche Leistungsfähigkeit teilweise weniger konsistent als bei Männern.

 

Was ist Kreatin eigentlich?

Kreatin ist eine körpereigene Substanz, die eine zentrale Rolle bei der schnellen Energiebereitstellung spielt. Der Körper kann Kreatin selbst herstellen, und zwar aus den Aminosäuren Glycin, Arginin und Methionin. Der größte Teil wird anschließend in der Muskulatur gespeichert.

Rund 95 % des Kreatins befinden sich in der Skelettmuskulatur. Dort unterstützt es den Energiestoffwechsel vor allem bei kurzen, intensiven Belastungen. Kreatin hilft dabei, Adenosintriphosphat (ATP) (die wichtigste Energiequelle der Zelle) schnell wieder herzustellen. Gerade bei explosiven Bewegungen wie Sprints, Sprüngen oder schweren Kraftübungen spielt dieser Mechanismus eine tragende Rolle.

Durch eine Supplementierung können die Kreatinspeicher im Muskel erhöht werden. Dadurch lassen sich in vielen Fällen die Kraftentwicklung verbessern, die Leistungsfähigkeit bei intensiven Belastungen steigern und möglicherweise auch Regenerationsprozesse unterstützen.

 

Wirkt Kreatin bei Frauen anders als bei Männern?

Frauen unterscheiden sich in mehreren physiologischen Punkten von Männern, die auch die Wirkung von Kreatin beeinflussen können. Dazu gehören unter anderem eine geringere Muskelmasse, niedrigere absolute Kreatinspeicher sowie hormonelle Schwankungen im Menstruationszyklus. Auch Unterschiede im Muskelstoffwechsel spielen eine Rolle.

Einige Untersuchungen zeigen sogar, dass Frauen tendenziell etwas geringere intramuskuläre Kreatinspeicher besitzen als Männer. Theoretisch könnten sie daher besonders von einer Supplementierung profitieren. In der Praxis zeigt sich jedoch ein differenzierteres Bild.

 

Kraft, Muskelaufbau und Körperzusammensetzung

Der am besten belegte Effekt von Kreatin bei Frauen betrifft die Verbesserung von Muskelkraft und Muskelmasse, vor allem in Kombination mit Krafttraining.

Mehrere Studien und Übersichtsarbeiten zeigen, dass Frauen unter Kreatin-Supplementierung häufig Verbesserungen der Maximalkraft erreichen, zum Beispiel bei klassischen Tests wie dem One-Repetition-Maximum (1RM). Auch funktionelle Leistungsparameter können sich verbessern, und in einigen Studien wurde eine leichte Zunahme der fettfreien Muskelmasse beobachtet.

Besonders deutlich wurden diese Effekte bei Frauen, die regelmäßig Krafttraining durchführen, aber auch bei älteren oder postmenopausalen Frauen. Interventionsstudien zeigen beispielsweise, dass Frauen, die Krafttraining mit Kreatin kombinieren, größere Kraftzuwächse und mehr fettfreie Masse entwickeln können als Frauen, die ausschließlich trainieren.

Wichtig bleibt jedoch: Der entscheidende Stimulus ist das Training selbst. Kreatin kannTrainingsanpassungen unterstützen, ersetzt aber kein strukturiertes Krafttraining.

 

Sportliche Leistungsfähigkeit

Wenn es um die direkte sportliche Leistungsfähigkeit geht, ist die Studienlage bei Frauen weniger eindeutig. Eine systematische Übersichtsarbeit mit 27 Studien an sportlich aktiven Frauen zeigte ein gemischtes Bild. Nur ein Teil der Studien fand Verbesserungen bei Kraft, anaerober Leistung oder Sprintleistung, während andere Studien keinen signifikanten Unterschied im Vergleich zu Placebo beobachteten.

Auch geschlechtsspezifische Meta-Analysen zeigen ein ähnliches Ergebnis: Während Männer häufig deutliche Leistungssteigerungen durch Kreatin zeigen, sind die Effekte bei Frauen unter 50 Jahren statistisch weniger eindeutig.

Das bedeutet jedoch nicht, dass Kreatin bei Frauen wirkungslos ist. Die uneinheitlichen Ergebnisse könnten unter anderem durch kleinere Stichproben in Studien, unterschiedliche Trainingsprogramme, hormonelle Einflüsse oder Unterschiede in den Ausgangsspeichern erklärt werden. Gerade bei Athletinnen im Kraftsport oder in Sportarten mit explosiven Belastungen kann Kreatin dennoch sinnvoll sein.

 

Körpergewicht und Wassereinlagerungen

Ein häufiger Mythos rund um Kreatin lautet, dass es zwangsläufig zu Wassereinlagerungen und Gewichtszunahme führt. Die aktuelle Studienlage zeigt jedoch ein anderes Bild.

In den meisten Studien kommt es weder zu einer signifikanten Zunahme von Körperfett noch zu einer relevanten Gewichtszunahme. Wenn Veränderungen auftreten, sind sie meist auf zwei Faktoren zurückzuführen: eine leichte Zunahme der Muskelmasse oder eine erhöhte Wasserspeicherung innerhalb der Muskelzellen.

Dieses Wasser befindet sich intrazellulär, also direkt im Muskel, und nicht unter der Haut. Diese Form der Wasserspeicherung kann sogar die Trainingsleistung unterstützen, da sie mit einer verbesserten Zellhydration und möglicherweise besseren Trainingsanpassungen verbunden ist.

 

Kreatin in verschiedenen Lebensphasen von Frauen

Ein besonders spannendes Forschungsfeld ist der mögliche Nutzen von Kreatin in unterschiedlichenLebensphasen von Frauen.

Mit zunehmendem Alter steigt bei Frauen das Risiko für Muskelabbau, Kraftverlust und Veränderungen der Knochenstruktur. Einige Studien zeigen, dass Kreatin in Kombination mit Krafttraining hier positive Effekte haben kann. Dazu gehören Verbesserungen der Muskelkraft, eine Zunahme der fettfreien Masse sowie mögliche Verbesserungen der Knochengeometrie der Hüfte.

Einige Untersuchungen berichten zudem über besseren Schlaf und eine gesteigerte Kraft der unteren Extremitäten bei Frauen in der Perimenopause. Die Ergebnisse zur direkten Verbesserung der Knochendichte sind allerdings bislang noch uneinheitlich.

 

Kreatin, Gehirn und mentaleGesundheit

Kreatin spielt nicht nur in der Muskulatur, sondern auch im Energiestoffwechsel des Gehirns eine wichtige Rolle. Erste wissenschaftliche Reviews deuten darauf hin, dass Kreatin möglicherweise positive Effekte auf kognitive Leistungsfähigkeit, mentale Ermüdung und Stimmung haben könnte.

Gerade für Frauen könnte dieser Bereich besonders relevant sein, da sie statistisch häufiger von Stimmungsschwankungen oder depressiven Episoden betroffen sind. Die bisherigen Ergebnisse sind vielversprechend, allerdings sind noch weitere kontrollierte Studien notwendig, um klare Empfehlungen ableiten zu können.

 

Reproduktive Gesundheit

Ein weiterer Forschungsbereich beschäftigt sich mit möglichen Zusammenhängen zwischen Kreatin und der reproduktiven Gesundheit. Beobachtungsstudien zeigen beispielsweise, dass Frauen mit einer höheren Kreatinaufnahme über die Ernährung seltener unter Zyklusstörungen oder bestimmten reproduktiven Erkrankungen leiden.

Diese Ergebnisse stammen allerdings aus epidemiologischen Studien und erlauben keine direkten Rückschlüsse auf die Wirkung von Kreatin-Supplementen. Hier besteht weiterhin Forschungsbedarf.

 

Sicherheit von Kreatin bei Frauen

Kreatin gehört zu den am besten untersuchten Nahrungsergänzungsmitteln weltweit und weist ein sehr gutes Sicherheitsprofil auf. Eine systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse mit insgesamt 951 Frauen zeigte keine erhöhte Rate an Nebenwirkungen und keine negativen Effekte auf Nierenfunktion, Leberwerte oder Körpergewicht.

Die übliche Empfehlung liegt bei etwa drei bis fünf Gramm Kreatin-Monohydrat pro Tag. Eine Ladephase ist aus heutiger Sicht nicht notwendig, da sich die Kreatinspeicher auch bei einer konstanten täglichen Einnahme innerhalb weniger Wochen vollständig auffüllen.

 

Für wen kann Kreatin besonders sinnvoll sein?

Eine Kreatin-Supplementierung kann besonders für Frauen interessant sein, die regelmäßig Krafttraining betreiben oder Sportarten mit explosiven Belastungen ausüben. Auch Frauen, die ihre Trainingsanpassung verbessern oder ihre Regeneration unterstützen möchten, können potenziell profitieren.

Darüber hinaus kann Kreatin für Frauen sinnvoll sein, die sich vegetarisch oder vegan ernähren, da Kreatin hauptsächlich in tierischen Lebensmitteln vorkommt. Auch in der Perimenopause oder Menopause kann eine Supplementierung im Rahmen eines strukturierten Trainingsprogramms unterstützend wirken.

 

Fazit

Die aktuelle Studienlage zeigt deutlich, dass Frauen von einer Kreatin-Supplementierung profitieren können. Besonders gut belegt sind Effekte auf Muskelkraft, fettfreie Masse und Trainingsanpassungen im Krafttraining.

Darüber hinaus gibt es interessante Hinweise darauf, dass Kreatin auch positive Effekte auf Aspekte der Gesundheit im Alter, auf kognitive Funktionen sowie möglicherweise auf Schlaf und Stimmung haben könnte.

Die direkte Leistungssteigerung im Sport fällt bei Frauen allerdings weniger konsistent aus als bei Männern und ist nicht in allen Studien nachweisbar. Dennoch gilt Kreatin als sicher, gut untersucht und für viele sportlich aktive Frauen als sinnvolle Ergänzung.

 

 

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