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Invisible Sportswomen - Was es bedeutet eine Frau im Sport zu sein

Female Health
Jette Benedicte Jess

Frauen sind im Sport heute sichtbarer denn je, doch in der sportwissenschaftlichen Forschung bleiben sie oft unsichtbar. Noch immer basieren viele Trainings-, Ernährungs- und Regenerationskonzepte auf Daten aus Studien mit überwiegend männlichen Teilnehmern. Dieser Artikel zeigt, warum der sogenannte Gender Data Gap im Sport existiert, welche Folgen er für Athletinnen hat und warum mehr spezifische Forschung wichtig ist, um Frauen im Sport wirklich gerecht zu werden.

Datenerhebung bildet die Basis für Fortschritte. Nur wer die aktuelle Situation kennt, kann gezielt darauf reagieren und Potenziale ausschöpfen. Was bringen uns beispielsweise die besten Schuhe, wenn sie am Ende nicht zum Träger des Schuhs oder der Sportart passen?

Schon 2020 deckte Caroline Criado-Perez in ihrem Buch “Invisible Women” auf, wie häufig Frauen in der Erhebung von Daten keine Beachtung bekommen. Die Welt ist auf den Mann ausgelegt, Frauen dagegen gelten als Abweichung von der Norm. Das führt zu einem stark erhöhten Sicherheitsrisiko sowie erschwerten Lebensbedingungen für Frauen, die aus verschiedenen Gründen oft ganz andere Anforderungen haben. Im Sport mögen die Folgen nicht so extrem sein, aber dennoch könnte die Welt des Frauensports ganz anders aussehen, wenn Athletinnen nicht wie kleine Männer behandelt werden würden.

Wie viele Verletzungen könnten wohl vermieden werden und wie viel mehr Leistung könnte aus dem Training rausgeholt werden, wenn der Körper von Frauen nicht mehr als Störvariable gilt, sondern als wichtiger Parameter?

Der Status Quo: Auf dem Platz immer präsenter, in der Wissenschaft nahezu unsichtbar

Der Frauenanteil im Sport ist im letzten Jahrhundert rasant gestiegen. Während 1952 in Helsinki nur 10,5% aller Teilnehmende bei den olympischen Sommerspielen Frauen waren, waren es 2012 bereits 44,2% aller Teilnehmenden. In diesem Jahr entsandte jedes Land erstmals mindestens eine Athletin zu den Spielen. Seither sind die Quoten weiter gestiegen. In Paris 2024 waren es exakt so viele Frauen wie Männer.

Doch während die Sichtbarkeit in der Praxis immer weiter zunimmt, der Gender Gap also sinkt, sind die Frauen in der Wissenschaft weiterhin im Verborgenen. Der Gender Data Gap bleibt bestehen.  

2014 untersuchten Costello et al. erstmals die Datenlage im Sport im Bezug auf die Repräsentation der beiden biologischen Geschlechter. Die Wissenschaftler untersuchten Artikel von drei großen Sportzeitschriften, die zwischen Januar 2011 und August 2013 veröffentlicht wurden. Sie stellten fest, dass 39% aller Studienteilnehmenden weiblich waren, allerdings nur 4-13% sich exklusiv mit Frauen beschäftigten. Im Gegensatz dazu waren es in bis zu 34% der Studien ausschließlich männliche Teilnehmende. Es zeigte sich, dass Frauen stark unterrepräsentiert sind.

Eine weitere Studie zu diesem Thema wurde 2021 von Cowley et al. veröffentlicht. Diese haben weit über 5000 Studien aus den sechs größten Sportzeitschriften zwischen 2014 und 2020 untersucht. Auch hier haben nur 6% aller Studien ausschließlich Frauen betrachtet, während 31% nur männliche Probanden hatten. Die Gesamtzahl der weiblichen Teilnehmenden aus allen Studien fiel hier mit nur 34% sogar niedriger aus als 2014.

Auch 2023 konnte keine signifikante Veränderung der Situation festgestellt werden. Mit einem Frauenanteil von 35-39% an der Gesamtteilnehmerzahl und weiterhin lediglich 6-9% an reinen Frauen-Studien bleibt der Sex Data Gap unverändert.

Heutzutage wissen wir viel über die Mechanismen des menschlichen Körpers im Sport, jedoch nur solange dieser männlich ist. Denn Fakt ist, dass auch in Studien, welche beide Geschlechter einbeziehen, zu wenig Details erforscht werden und die Teilnehmenden generalisiert werden.

Zu teuer, zu aufwendig, zu weiblich?

Warum stagniert die Datenlage, während Athletinnen weltweit immer präsenter und stärker werden? Die Antwort vieler Wissenschaftler*innen ist wohl genauso frustrierend wie die Situation selbst: Frauen sind schlichtweg zu komplex. Genau dort, wo die Wissenschaft eigentlich hinsehen müsste, wird nur ein Störfaktor gesehen. Es wurde sich auf das “einfache” Modell beschränkt - den Mann.

Wer Frauen in seine Studien integriert, der muss mehr leisten als nur eine strikte Datenerhebung. Während Männer ein vergleichsweise konstantes Hormonprofil aufweisen, erleben Frauen einen ständigen Wandel, der durch viele Faktoren beeinflusst wird:

  • Der monatliche Zyklus: Je nach Phase schwanken die Hormone massiv.
  • Lebensphasen: Während der Testosteronspiegel bei Männern ab dem 30. bis 40. Lebensjahr langsam zu sinken beginnt, erleben Frauen eine drastische hormonelle Veränderung mit dem Einsetzen der Menopause.  
  • Exogene Hormone: Hormonelle Verhütungsmethoden, die von sehr vielen Frauen eingesetzt werden, beeinflussen die Daten und bringen einen weiteren wichtigen Faktor mit, der nicht zu vergessen ist.
  • Schwangerschaft und Stillzeit: In der Wissenschaft gelten schwangere oder stillende Frauen oft als Risikogruppe, weshalb sie oft schlichtweg ausgeschlossen werden. Anstatt Athletinnen auf ihrem Weg wissenschaftlich zu begleiten und sie sicher und effizient zurück in den Spitzensport zu führen, werden sie allein gelassen.

Um aussagekräftige Ergebnisse zu erhalten, die auch vergleichbar sind, sind mehr Daten notwendig. Mehr Daten gehen allerdings mit längeren Studienzeiträumen und mehr Aufwand einher. Folglich wird die Forschung teurer und die Auswertung komplexer. Die Kosten sind oft nur ein Aspekt und viele Frauen wären durchaus bereit, den Mehraufwand in Kauf zu nehmen. Eine weitere Erklärung scheint auch in den Laboren selber zu liegen.

Der Gender Gap hinter dem Mikroskop

Eine aktuelle Untersuchung aus 2024 von Cowley et al. zeigt eine Korrelation zwischen den erhobenen Daten und den leitenden Persönlichkeiten hinter der Studie bzw. den Personen, die die Daten auswerten.

Es wurde festgestellt, dass häufiger Frauen als Probandinnen gewählt werden, wenn auch Frauen die Studienleitung übernehmen. Zudem wurde erkannt, dass eine Studie mehr Qualitätspunkte erlangte, wenn Frauen sowohl Erstautor als auch Letztautor sind. Diese Punkte bewerten, wie viele frauenspezifische Parameter berücksichtigt wurden.

Weibliche Forscherinnen haben oft ein größeres Verständnis für die Thematik. Für sie ist die Komplexität der Frau kein Störfaktor, sondern ein essenzieller Aspekt der Wissenschaft.

Ein System mit Fehlern: Das Risiko der eingesparten Zeit und Kosten

Wenn wir über den Gender Data Gap im Sport sprechen, geht es um weitaus mehr als die geschlechtliche Gleichberechtigung. Es geht um Effizienz, langfristige Leistungsoptimierung und Kostenminimierung. Die Praxis, den männlichen Körper als universelle Schablone über athletische Leistungen zu legen, ignoriert die biologische Realität. Der Fakt, dass Daten nicht erhoben werden, spricht gegen das Ziel der Wissenschaft, Genauigkeit abzubilden. Eine Athletin ist keine Variante des Mannes, sondern folgt einer völlig eigenen Physiologie mit vielen Faktoren. Unterschiedliche Hormonprofile steuern nicht nur die Fortpflanzung, sondern auch den Stoffwechsel, Ernährungssituation, Regeneration, Anpassungsfähigkeit und folglich auch die athletische Leistung.

Die versteckten Kosten eines generalisierten Trainings

Werden Athletinnen nach männlichen Standards trainiert, sind die Folgen weit mehr als nur suboptimal - sie können die Gesundheit und die Leistungsfähigkeit beeinflussen. Ein simples Kopieren der Prinzipien, die bei Männern funktionieren, ignorieren die Biochemie des weiblichen Körpers.

  • Stoffwechsel und Energieverfügbarkeit: Frauen sind eben nicht nur “kleine Männer”. Wenn es um die Energiegewinnung geht, dann verwerten sie Substrate anders. Besonders bei aeroben Belastungen konnte bewiesen werden, dass Frauen vermehrt Energie aus Fetten ziehen. Gleichzeitig oxidieren sie Kohlenhydrate und einige Aminosäuren in einem geringen Umfang als Männer. Das zieht auch Folgen in Bezug auf die entstehenden Metaboliten mit sich, welche sich auf Leistung und Adaption auswirken.

Dazu kommt die Wirkung der Hormone. Männer profitieren von einem konstant hohen Testosteronspiegel, der eine anabole Wirkung hat. Frauen haben nur sehr geringe Mengen an Testosteron, dafür aber hohe Östrogenlevel. Östrogen ist ebenfalls anabol, aber nur in einem sehr viel geringeren Umfang. Dazu kommt, dass die zweite Zyklushälfte durch Progesteron dominiert wird, was im Gegensatz zu Östrogen eher katabol ist.  

Eine unangepasste Nährstoffzufuhr kann sich also durchaus für Leistung und Gesundheit bemerkbar machen. Ein gutes Beispiel ist der Proteinstoffwechsel: Mit steigendem Alter sind Frauen deutlich weniger empfänglich für Proteine und ihre anabole Wirkung als Männer. Ein relativ gleicher Proteinanteil reicht nicht aus, um Muskeldegradation und Kraftverlust vorzubeugen. Frauen benötigen eine größere Menge an Proteinen, um die gleiche Sicherheit zu erlangen.

  • Verletzungsrisiko: Ohne Beachtung frauenspezifischer Parameter ist das tägliche Training enormer Belastung ausgesetzt. Ein falsches Trainingsvolumen, ungeeignete Ausrüstung und eine falsche Ernährungsstrategie erhöhen das Verletzungsrisiko enorm. Frauen haben unter anderem ganz andere Regenerationszyklen und benötigen andere Nährstoffe zur optimalen Regeneration. Mit Verletzungen gehen auch oft höhere medizinische Kosten, längere Ausfallzeiten und im schlimmsten Fall das vorzeitige Ende der Karriere einher.
  • Ungenutztes Potenzial: Der aktuelle Leistungsunterschied von etwa 8-12% zwischen den Geschlechtern wird oft als biologisch gegeben hingenommen. Doch diese Lücke könnte weiter verengt werden, denn ein großer Teil ist schlichtweg auf mangelnde Spezifität zurückzuführen. Würde das Training exakt auf die weibliche Physiologie abgestimmt werden, wäre es möglich, die Leistung weiter zu steigern. Es fehlt aber an Daten, um diese abzurufen.

Genauso sieht es auch bei einer spezifischen Verwendung von Supplementen und Ernährungsmethoden im Hinblick auf Wettkämpfe aus. Damit das Laden von Kohlenhydraten vor einem Wettkampf bei Frauen die gleiche Glykogenspeicherung bewirkt wie bei Männern, ist ein Energieüberschuss notwendig. Auch bei der Verwendung von Nahrungsergänzungsmitteln sollte keine Generalisierung stattfinden, da diese mit den Hormonspiegeln interagieren, womit ein anderer Bedarf einhergeht.

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Besonders schwierig sind fehlende Daten gerade bei jungen Menschen. Hier herrschen die größten physiologischen und kognitiven Unterschiede zwischen den Geschlechtern.
Doch auch hier fehlt es an Daten. Curran et al. konnten nachweisen, dass der Data Gap in der Talententwicklung zwar immer weiter geschlossen wird, der Gender Data Gap aber bestehen bleibt. Junge Athletinnen werden daher auch in Zukunft noch weiter mit Methoden trainiert werden, die für Männer konzipiert wurden - ein Fehler, der viele Talente kostet, bevor sie überhaupt entdeckt wurden.

Der Zyklus als ungenutztes Planungstool

Für viele Athletinnen fühlt sich der weibliche Zyklus immer wieder wie ein Hindernis an. Schmerzen, Kraftlosigkeit und Stimmungsschwankungen prägen die Zeit um die Periode. Die Konsequenz: Immer wieder fallen Trainingstage aus und enden auf dem Sofa, weil sie sich nicht in der Lage fühlen zu trainieren. Statt das weiter hinzunehmen, könnte eine gute Datenlage Athletinnen und Trainern helfen, die vermeintliche Schwäche als Werkzeug nutzen.

Einige Studien zeigen, dass Frauen in der Follikelphase, in der auch die Östrogenlevel am höchsten sind, die besten Voraussetzungen haben, um optimale Leistungen zu erbringen und Kraft aufzubauen. Der erhöhte Östrogenspiegel begünstigt zudem die Regeneration und die Reparatur von Muskelfasern nach intensiven Einheiten. Würde es mehr Daten zu diesen Beobachtungen geben, wäre es möglich, Trainingszyklen anzupassen, um die maximale Leistung abzurufen.

Fazit: Die unsichtbare Athletin sichtbar machen

Der Gender Data Gap im Sport ist kein Zufall, sondern das Ergebnis von Bequemlichkeit und systematischer Ignoranz. Caroline Criado-Perez hat gezeigt, dass eine auf Männer zugeschnittene Welt das Leben von Frauen nicht nur erschwert, sondern es oft auch gefährlicher macht. Während die Wissenschaft den einfachsten Weg geht, zahlen die Athletinnen den Preis: Sie trainieren hart, aber oft ineffizient. Sie schöpfen ihr Potenzial nicht aus. Sie riskieren Verletzungen. Dazu kommen die oft unterschätzten systemischen Kosten, die die Unsichtbarkeit mit sich bringen. Talentförderung wird nicht optimal genutzt und gegebenenfalls werden hohe Investitionen durch eine wohlmöglich vermeidbare Verletzung zunichte gemacht. Das wiederum kann dann auch zu hohen Behandlungskosten führen.

Wer echte Höchstleistungen sehen will, muss die Bedingungen dafür schaffen. Wir müssen aufhören, den weiblichen Körper als eine Störvariable im männlichen System zu sehen. Er ist kein fehlerhaftes Modell, sondern ein eigenständiges biologisches System, das auch als solches behandelt werden muss.

Es ist an der Zeit, dass Wissenschaft genau das abbildet, was sie vorgibt zu sein: genau. Denn erst wenn wir die unsichtbaren Athletinnen wirklich sehen, werden wir erfahren, was sportlich wirklich möglich ist.

Quellen:

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Cowley, E.; Moore, S.; Olenick, A.; McNulthy, K. (2024): “Invisible Sportswomen 2.0” - Digging Deeper Into Gender Bias in Sport and Exercise Science Research: Author Gender, Editorial Board Gender, and Research Quality. In: Women in Sport and Physical Activity Journal. Vol. 32. Issue 1. 1-8. https://doi.org/10.1123/wspaj.2023-0039.

Cowley, E.; Olenick, A.; McNulty, K.; Ross, E. (2021): “Invisible Sportswomen”: The Sex Data Gap in Sport and Exercise Science Rsearch. In: Women in Sport and Physical Activity Journal. Vol. 29. Issue 2. 146-151. https://doi.org/10.1123/wspaj.2021-0028.

Criado-Perez, C. (2020): Invisible Women. https://carolinecriadoperez.com/book/invisible-women/

Curran, O.; MacNamara, A.; Passmore, D. (2019): What About the Girls? Exploring the Gender Data Gap in Talent Development. In: Front. Sports Act. Living 1:3. https://doi.org/10.3389/fspor.2019.00003.

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